Weihnachtspost ...


Ich schreibe sehr gerne Briefe! Ja, ich weiß, Briefe schreiben ist aus der Mode gekommen.

Heute schreibt man SMS, Email, verschickt E-Cards und, und, und …

Ich bin aber gerne ein wenig altmodisch. Modern gesagt, ich bin retro!

Ich kann schöne Briefe schreiben. Nein, ich will jetzt nicht angeben. Aber meine Worte kommen besser, tiefgründiger und empfindsamer aus meinen Fingern als aus meinem Mund.

Ich habe noch Briefe von mir, die ich so mit 17 an meine Eltern geschrieben habe. Zu jener Zeit absolvierte ich meine Lehre in Sangerhausen und wohnte in einem Lehrlingswohnheim.

Meine Briefe fand ich nach dem Tod meiner Mutter in ihrem Nachlass. Vor Freude und Ergriffenheit musste ich heulen. Ich erinnere mich noch genau.

Aber ich lese auch sehr gerne Briefe von anderen. Ich habe sogar mal die Liebesbriefe meiner Zimmerkollegin gelesen. Auch damals in der Lehre und natürlich heimlich. Sie hatte alle fein säuberlich gebündelt und mit einem roten Bändchen versehen in ihrem Nachtschrank liegen. Ja,

ich weiß, so etwas ist gemein. Aber ich war kein Engel. Zum Glück! Denn Engel dürfen so etwas nicht tun. Ich habe mich damals gerechtfertigt, so ganz für mich allein und gesagt: Das mache ich rein informationshalber … nur mal sehen, ob sie schönere Briefe hat, als ich.

Vor ein paar Jahren habe ich mir eine Sammlung von Briefen berühmter Persönlichkeiten zugelegt, einen Adventskalender der besonderen Art. 24 Briefe, liebenswerte, menschliche und ganz normale Briefe. Sie lesen sich so, als hätte man sie selbst bekommen, bzw. selbst geschrieben.

Drei von ihnen habe ich ausgewählt. Sehr persönliche Weihnachtsbriefe von Theodor Fontane, Joachim Ringelnatz und Franz Kafka.

Theodor Fontane an die Seinen im Dezember 1856

(aus 24 literarische Adventsbriefe, 9. Dezember)

Meine liebe Frau, mein lieber George!

Viel zu schreiben habe ich nicht, aber den Wunsch will ich aussprechen, dass Ihr beim brennenden Baum alles dessen dankbar gedenken mögt, was Ihr habt, und nicht grübeln und murren mögt über das, was fehlt.

Trennung ist schlimm, aber es ist lange nicht das Schlimmste. Seien wir alle dankbar dafür, dass die Wolke, die über uns stand, vorbeigezogen ist, ohne mehr als einen tüchtigen Schreckschuss abgedonnert zu haben.

Das ist zunächst die Hauptsache. – Liebevolle Hände und ein brennender Baum werden auch diesmal nicht fehlen. Dass ich nicht da bin, müsst Ihr leicht nehmen; ich fehle, um dafür in Zukunft nicht zu fehlen. Wer ein Ziel hat, darf den Weg nicht scheuen, er sei glatt oder rauh.

Dessen gedenkt alle und seid froh.

Joachim Ringelnatz an Frau Annemarie Ruland im Dezember 1918

(aus 24 literarische Adventsbriefe, 19. Dezember)

Kleines Bampf, rundes, liebes Bampf,

heute erhielt ich Dein Weihnachtsbriefchen. Morgen, so nehme ich an, trifft Dein unartiges Paketchen ein. Wirst hoffentlich doch noch in eine hübsche Stimmung und evtl. auch in freundliche Gesellschaft am heiligen Abend kommen. Jedenfalls werde ich um 9 Uhr – komme, was auch mag – auf Dein Wohl trinken und herzlichst Deiner gedenken. Wenn Du je ein Gefühl des Geborgenseins bei mir hattest, so kannst Du Dir das mit Fug und Recht bewahren so lange Du magst, denn ich habe Dich lieb.

Du Goldiges, heute erst mit aufgebrochenen Siegeln, aber unversehrt, traf Dein rührendes reiches, allzu reiches Paket ein. Wie Du fleißig für mich gewesen bist! Wie Du lieb sinnig gepackt hast! Gott vergelt es Dir tausendmal. Ich bin nicht, wie es nahe läge, beschämt darüber, dass ich Dir nur solch winzigen Gruß sandte, denn ich weiß, Deine treue Freundschaft legt das nicht auf die Waage.

Ich empfinde nur Dankbarkeit und Liebe und habe Sehnsucht nach Dir.

Franz Kafka an Milena Jesenska im Dezember 1912

(aus 24 literarische Adventsbriefe, 16. Dezember)

Liebste Milena!

Endlich, endlich herrliche Post, Anfang der Weihnachtsfeiertage, zwei Briefe, eine Karte, ein Bild, Blumen. Liebste, ganz wild abzuküssende Liebste, wie soll ich Dir danken mit dieser schwachen Hand!

So, jetzt gehe ich spazieren mit einem Freund. Ich muss auch weg, denn eben sind Verwandte mit äußerst durchdringenden Stimmen angekommen, die Wohnung bebt, ich entweiche ungesehen, ungehört durch das Vorzimmer. Wäre es doch mit Dir! Ich würde Dir zuliebe sogar meinen Lauf über die Treppen mäßigen. Ich habe nämlich die Gewohnheit – es ist der einzige übrigens selbsterfundene Sport, den ich treibe – die Treppen als ein Schrecken aller Hinaufsteigenden hinunterzurasen. Es ist schönes Wetter draußen, möchtest Du Dich, Liebste, recht erholen, jeder Augenblick dieser Weihnachtstage freut mich doppelt, wenn ich daran denke, dass Du Dich ausruhen und erholen kannst.

Ich hoffe, ich habe Euch ein wenig auf Weihnachten eingestimmt. Und solltet Ihr nicht Weihnachten mit Euren Liebsten verbringen können, so wie die drei Briefeschreiber, dann versucht es doch auch noch mal – Briefe schreiben macht Spaß. Vielleicht entdeckt Ihr diese alte Tugend wieder vollkommen neu.

Ich wünsche Euch schöne Weihnachten

Eure Rita

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