Leseprobe ...

Heute mal eine kurze Leseprobe aus meinem Buch

"Küstriner Straße - Kiezgeschichten"

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So wie viele andere Menschen habe ich eine Leidenschaft für Gaslaternen. Diese herrliche Erfindung mit ihrem warmen Licht fasziniert fast jeden auf Anhieb, ganz nüchterne und phantasielose Menschen mal ausgeschlossen. Warum das so ist, weiß ich nicht so richtig, aber ich habe meine Vermutungen. Gaslaternen passen in laue Sommernächte, sie sehen herrlich romantisch aus, wenn sie tanzende Schneeflocken beleuchten und sie machen sogar einen stürmischen Novemberabend freundlicher. Zu jeder Jahreszeit verbreiten sie ihr gemütliches Licht.

Fürstenwalde hat eine besondere Beziehung zu Gaslaternen. Denn Fürstenwalde hatte Julius Pintsch, respektive seine Nachfahren. Eines seiner Vermächtnisse ist die Gasbeleuchtung, nicht nur als Straßenbeleuchtung. Die Beleuchtung von Seezeichen, sogar die Beleuchtung von Eisenbahnwaggons geht zurück auf den alten Julius Pintsch.

Ich erinnere mich sehr gerne an die Gaslaternen in der Küstriner Straße. Ein kleiner verwachsener Mann, nur unwesentlich größer als wir Kinder, schaltete sie bei Eintritt der Dunkelheit an und löschte sie am nächsten Morgen wieder. Er hatte immer ein Fahrrad bei sich, das er jedoch meist schob. Auf seinem Fahrrad transportierte er eine Hakenstange, die vorn und hinten über das Fahrrad hinausschaute. Mit dieser Stange bediente er oben in der Gaslaterne das Absperrventil. Manchmal brachte er auch eine kleine Klappleiter mit, denn von Zeit zu Zeit kletterte er hoch, putzte die sechs trapezförmigen Scheiben der Lampe oder tauschte defekte Glühstrümpfe an der Laterne aus.

In der Küstriner Straße waren die Gaslaternen auf hübsch verschnörkelten, gusseisernen Tragpratzen direkt an den Häusern angebracht. In anderen Straßen, vor allem im Stadtzentrum, aber auch in der Wriezener Straße, fand man das romantische Gaslicht auf dekorativen Laternenpfählen, die den Bürgersteig flankierten.

Die größeren Jungs ärgerten den kleinen Mann gern. Sie kletterten an den vier Meter hohen gusseisernen Laternenpfählen hoch und versuchten das Absperrventil zu betätigen. Außerdem erzählten sie den jüngeren Kindern viel dummes Zeug über diesen armen kleinen Kerl, z.B. dass er immer die Kriegskasse der Gasanstalt mit sich herumschleppen müsse. Damit meinten sie seinen Buckel, der auf der rechten Rückenseite jedem Betrachter ins Auge sprang.

Mit der Elektrifizierung verschwanden die Gaslaternen. Zu meiner Schulzeit gab es schon keine Gaslaternen mehr auf den Fürstenwalder Straßen. Allerdings, ich erinnere mich, dass in der Gröbenstraße , und zwar im Knick zwischen Clausiusstraße und Bergstraße, ganz in der Nähe der heutigen „Quelle“, einer urigen Kneipe, mal eine Szene für einen DEFA-Film gedreht wurde, der in der Kriegszeit spielte. Leider habe ich vergessen, wie der Film hieß und wann das genau war. Dort wurden nämlich Attrappengaslaternen aus Kunststoff aufgestellt, um die Filmszenen möglichst identisch und zeitgetreu zu zeigen. Für uns waren die Dreharbeiten etwas ganz Besonderes. Wir Schulkinder der damaligen Oberschule I in der Holzstraße hatten das interessante Treiben unmittelbar vor der Nase.

Noch heute kann mich der Anblick einer Gaslaterne ins Schwärmen und Träumen versetzen. Es ist noch gar nicht lange her, da machten wir, auf meinen Wunsch, einen Familienausflug, in den Berliner Tiergarten, nur der vielen Gaslaternen wegen, die man dort überall bewundern kann.

Aber dieses Gefühl von Kindheit, was ich dort suchte, kam nicht. Wahrscheinlich waren es die Straßen meiner Kindheit, die fehlten. Genauso, wie man ein historisches Spielzeug in einem Schaufenster nicht mit seinem alten, zerfledderten, aber vielgeliebten Teddybären aus längst vergangener Kinderzeit vergleichen kann.

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© 2014 Rita Kahnt