Die Heide blüht ...
- 4. Aug.
- 4 Min. Lesezeit

Eine Geschichte aus meinem Buch "Märchen und Geschichten aus Fürstenwalde"
Heidekraut – ein Märchen in rosa-violett …
Ich möchte Euch heute eine fantastische Geschichte erzählen. Glaubt sie oder glaubt sie nicht!
Jedes Jahr im August blüht die Heide. Wohl jeder Brandenburger kennt Heidekraut. Man findet es als hübsche, rosa-violettfarbene, natürlich gewachsene Abgrenzung zwischen Kiefernwald und asphaltierter Landstraße. Und es gibt richtig großflächige Heidelandschaften, auf denen die Besenheide dicht an dicht im Spätsommer in voller Blüte steht.
In Fürstenwalde gibt es das Heideland. Das Heideland ist ein Stadtteil, westlich vom Zentrum gelegen und deshalb Ausbau-West genannt. Im Norden wird das Heideland durch die Eisenbahnlinie Berlin – Frankfurt (Oder) begrenzt; und im Süden durch die Hangelsberger Chaussee, fast möchte ich sagen, durch die Spree, die dort parallel der Landesstraße fließt. Wie es der Namen schon sagt: Heideland – dort wächst zwischen Kiefern, Birken, Gartenanlagen und Einfamilienhäusern das herrlich rosa-violette Heidekraut.
Wenn ich jetzt frage: „Na und wer ist für dieses schöne, genügsame und unverwüstliche Kraut verantwortlich?“ Dann werdet ihr sagen: „Niemand, die Natur, Bienen, Hummeln, Schmetterlinge“. Naja, das ist nur die halbe Wahrheit. Denn mitten in den Heidefeldern leben die kleinen Heidis. Eine Heidi aus dem Heidekraut ist vergleichbar mit einem Zwerg oder einem Wichtel aus dem Wald. Der Unterschied: Alle Heidis sind weiblich, so wie alle Zwerge oder Wichtel männlich sind. Wie das bei diesen märchenhaften Wesen mit der Fortpflanzung funktioniert, das hat bisher kein Mensch herausgefunden. Also lassen wir ihnen ihr Geheimnis.
Die Heidis, das sind beispielsweise Heidelore, Heidemarie, Heidemoni, Heideliese, Heidelotte, ach es gibt so viele. Alle sind hübsche, fleißige kleine Frauchen, ganz in rosa und lila gekleidet. Und es gibt die Heidi-Heidekönigin, Ihre Majestät Heidi-Heida.
Aufgabe, Mission, oder besser gesagt, der Lebensinhalt der Heidis besteht darin, die schönen Brandenburger Heidelandschaften zu hegen und zu pflegen. Jedes Jahr im August erblüht der rosa-lilafarbene dichte Teppich, der auch den unromantischsten Zeitgenossen zum Lächeln und zum Träumen bringt. Und wenn die Heide blüht, kann man sprichwörtliche Völkerwanderungen beobachten. Dann besuchen nämlich sehr viele Menschen das Land der Heidis. Nun dürft ihr aber nicht glauben, mitten im Heidekraut die kleinen Heidis tanzen zu sehen! Das machen sie in einer klaren Augustnacht, so um den Zwölften oder Dreizehnten des Monats. Da feiern die kleinen fleißigen Frauchen ihr wichtigstes Fest im Jahr, den Beginn der Heideblüte. Ganz ähnlich wie beispielsweise die Obstbauern ihr Baumblütenfest feiern oder die Hexen im Harz die Walpurgisnacht. Das Heideblütenfest der Heidis fällt immer mit dem Tag im August zusammen, – nein, mit der Nacht, wenn die meisten Sternschnuppen vom Himmel fallen. Und das ist so etwa um den 12. August herum. Denn angeblich gibt es genauso viele kleine rosa Blüten im Heidekraut wie Sterne am Himmel. Und wenn das nicht so ganz stimmt, dann gleichen das die Sternschnuppen aus, indem sie in die Heidefelder fallen und sich in Heideblüten verwandeln.
In dieser Nacht singen und tanzen und trinken die Heidis. Ja, Heidis trinken auch Alkohol. Sie bereiten sich für ihr Fest eine leckere Blütenbowle zu. Eine rosa Bowle für die jungen Heidis, und eine lila Bowle für die erfahrenen und älteren Heidis. Und natürlich für Ihre Majestät Heidi-Heida. Die lila Bowle ist hochprozentig und sie muss mit Vorsicht genossen werden, denn sie verursacht in kürzester Zeit bei den Heidis einen sogenannten Heideschwips. Nun muss man sich eine betrunkene Heidi nicht wie einen betrunkenen Menschen vorstellen, der umhertorkelt und lallt. Eine Heidi bildet sich im angetrunkenen Zustand ein, sie könnte fliegen. Sie breitet die Arme aus und schlägt mit ihnen, so wie ein Vogel mit seinen Flügeln. Und dabei summt und brummt sie lustig. Dieses Verhalten kommt nicht von ungefähr. Denn, nachdem das Heideblütenfest vorbei ist, verwandeln sich die Heidis für drei Monate in Bienen. Natürlich nicht in echte Honigbienen. Aber wer da nicht so einen ganz gezielten Blick hat, der unterscheidet sie nicht von echten Bienen. Eine Honigbiene sieht ja bekanntlich am Körper gelb-braun gestreift aus, etwas haarig und sie hat durchsichtige Flügel. Eine Wandel-Heidi, so nennt man die getarnte Form des kleinen Heidefrauchens, hat nicht klare, durchsichtige Flügel, sondern leicht lila schimmernde. Die Verwandlung findet statt, weil die vielen Heidis sich sonst nicht vor den Menschen, die jetzt die Heide besuchen, verstecken könnten. Und das wäre fatal, vielleicht sogar das Ende der kleinen fleißigen Frauen und damit das Ende der herrlichen Heidekrautlandschaften.
Woher ich das alles weiß? Ich habe mal eine Heidi gefunden, ganz in der Nähe der Fürstenwalder Kläranlage, die von Anwohnern gerne als „die Rieselfelder“ bezeichnet wird. Diese Bezeichnung stammt noch aus einer Zeit, als das Wasser der Stadt noch auf eine andere Art und Weise geklärt wurde.
Diese Heidi hatte am Heideblütenfest viel zu viel lila Blütenbowle getrunken. So sehr viel, dass ihr nicht die Transformation zur Wandel-Heidi geglückt war. Erst gegen Morgen des Folgetages hat sie sich verwandelt. In der Zwischenzeit hat sie mir so allerhand vom Volk der Heidis erzählt. Eigentlich wollte ich nichts weitererzählen, weil das ja doch alles sehr unwahrscheinlich klingt. Vielleicht denkt ihr jetzt: „Oh, die kann aber flunkern!“ Na, denkt was ihr wollt! Oder ihr glaubt mir die Geschichte. Fantasie ist erlaubt und eine herrliche Sache.
Und wenn ihr euch demnächst ein Heidekrautsträußchen am Wegesrand pflückt, oder durch die Heidefelder spaziert, dann schaut mal nach Bienen mit lila schimmernden Flügeln. Ich wette, ihr werdet einige sehen.
























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