Das Märchen von der eingeschlafenen Zeit

Heute ist der 27. Oktober 2019.

In der Nacht wurden unsere Uhren eine Stunde zurückgestellt.

Die Sommerzeit ist mal wieder vorbei.

Ich wünsche Euch eine gute Zeit … zu jeder Zeit!

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Das Märchen von der eingeschlafenen Zeit

Als die Zeit geboren wurde, gab es noch keine Menschen auf der Welt. Wie jedes neugeborene Wesen musste auch die Zeit erst Laufen lernen. Nur ganz langsam kam sie voran. Ein paar kurze Schritte, dann ging sie auf die Knie und krabbelte ein Stückchen auf allen Vieren. Sie setzte sich eine Weile auf den kleinen Po und schaute sich die Gegend an. Schließlich stand sie tollpatschig auf und lief weiter.

Als sie dann ein fröhliches Kind war, kam sie schon recht schnell voran. Aber verspielt, wie Kinder nun mal sind, hüpfte sie eine Strecke und trödelte dann wieder vor sich hin, wenn sie etwas Schönes sah. Oder sie legte sich auf die Erde und kullerte lang ausgestreckt einen Berg herunter, ganz so, als wäre sie ein Baumstamm, dem man einen Schups gibt und er dann ins Rollen kommt.

Zu jener Zeit gab es bereits Menschen. Heute spricht man von den Urmenschen. Die Betonung liegt auf Urmenschen. Nicht etwa Uhrmenschen. Denn eine Uhr kannten sie noch nicht und die Zeit war ihnen egal. Nein, der Neandertaler kümmerte sich nicht darum, ob die Zeit vor sich hin trödelte, ob sie raste, oder ob sie gar Zeitsprünge machte. Er lebte in den Tag hinein und aus dem Tag hinaus, in die Nacht hinein und wieder raus. Ich glaube, das war eine gute Zeit, für die Zeit und für die Menschen.

Aber natürlich blieb das nicht so. Die Zeit wurde erwachsen und immer älter. Und auch die Menschen entwickelten sich weiter. Sie wurden immer klüger, moderner und leider war ihnen vieles, nicht mehr so egal, was die Zeit betraf. Sie machten sich Gedanken über dieses und jenes. Und das Schlimme an der Sache war, dass sie sich selbst als das Allerwichtigste auf der Welt fühlten. Sie wollten alles bestimmen, alles gestalten, alles regeln.

Die inzwischen alt gewordene Zeit schüttelte so manches Mal den Kopf und dachte: „Wie dumm seid ihr doch. Ihr bewirkt gar nichts. Wenn ich sterbe, dann sterbt Ihr auch. Und wenn ich müde bin und mir ein kleines Nickerchen gönne, dann halte ich Euer Leben an und Ihr verharrt starr wie eine Marionette, bis ich ausgeschlafen habe und weiterlaufe.

Und wenn Ihr Euch nicht einig seid, ob es schlau oder dumm ist, die Uhrzeit vor- und zurückzustellen um das dann Sommerzeit oder Winterzeit zu nennen, dann sage ich Euch: Ihr schafft es genau so wenig an der Zeit zu drehen wie eine kleine Feldmaus. Die Feldmaus ist sogar klüger als Ihr, denn sie würde nie auf so eine absurde Idee kommen.“

Die Zeit ist nun eine alte Dame, sie ist klug und weise. Aber weil sie nicht mehr lange Strecken im gleichen Tempo laufen kann, braucht sie öfter mal eine Pause. Ganz genau so geht es ihrer Schwester, der Mutter Erde. Beide sind zur gleichen Zeit geboren. Vielleicht sind sie sogar Zwillingsschwestern. Aber so genau weiß das keiner. Genau wie die Zeit, gibt es die Erde nur ein einziges Mal. Noch nie hat jemand etwas von Vater Erde gehört, also einem Partner, der ihr beisteht. Oder, dass die Zeit einen Ehemann hat.

Fazit: So traurig, wie sich das anhört, wenn die Erde stirbt, stirbt auch die Zeit, oder wenn die Zeit stirbt, kann auch die Erde nicht weiterleben. Und Kinder haben sie keine, werden sie auch nicht bekommen, die an ihrer Stelle weitermachen würden.

Und weil die Zeit und die Erde Schwestern sind und sich gut verstehen, machen sie auf ihrem Weg öfter mal eine Pause oder ein kleines Schläfchen. Manchmal dauert das auch mal etwas länger.

Dann bleibt die Zeit stehen, legt sich ins Gras und macht die Augen zu. Und wenn die Zeit stehen bleibt, dreht sich die Erde natürlich auch nicht, denn wie schon gesagt, die Zeit ist angehalten. Und alle Lebewesen, Bäume, Pflanzen und was es sonst noch so gibt, werden in ein Zeitfenster gesteckt und erstarren.

Das Lustige an der Sache ist, sie merken es nicht, dass sie sinnbildlich für eine Weile ausgeknipst werden. Wenn dann die Zeit, bevor sie weiterläuft, kurz das Fensterbrett vom Zeitfenster berührt, geht alles genau an der Stelle weiter, wo es vor Tagen, Wochen oder Monaten aufgehört hat, je nachdem, wie lange die beiden Schwestern geschlafen haben.

Nun werdet Ihr vielleicht denken, warum empfindet man aber, dass die Zeit immer schneller läuft? Obwohl sie sich ja eigentlich gar nicht schnell bewegt, denn sie macht ja laufend Nickerchen.

Das ist ganz einfach zu erklären: Nur die Menschen empfinden das so. Und warum? Weil sie sich nicht einfach von der Zeit tragen lassen, sondern partout alles selber in die Hand nehmen wollen. Sie wollen am liebsten das Ozonloch zunähen, sie wollen die schmelzenden Gletscher in einen riesigen Eisschrank stecken. Sie wollen die Saurier wieder zurückhaben, kreuz und quer durchs All fliegen, die Sonnenstrahlen regulieren, das Klima in ein Korsett stecken, damit es ja nicht ein Grad zu oder abnimmt. Und sie wollen eine künstliche Intelligenz schaffen, die ihnen hilft, alles zu kontrollieren, und irgendwann ihnen dann selber den Schneid abkauft und die Herrschaft übernimmt.

Das ist jetzt natürlich alles etwas ironisch, fast sarkastisch dargestellt. Aber ein wenig Wahrheit ist schon dran. Ja und neben der Lösung der großen Probleme müssen sie, im Kleinen, jedes Jahr mindestens zweimal in den Urlaub fahren, sie müssen sich im Job auspowern, Geld verdienen, viel Geld. Das Materielle ist ihnen ganz wichtig und auf keinen Fall darf der Nachbar oder die Freunde mehr haben, mehr Geld, mehr Freizeit, einen bessern Job usw., usw…

Kein Wunder, wenn Ihr Zeitgefühl vollkommen aus dem Ruder läuft. Nicht die Zeit rennt ihnen weg. Sie versuchen, der Zeit wegzurennen. Und das geht natürlich nicht.

Zum Glück macht sich die Zeit darüber keine großen Gedanken. Sie hat schon viel Schlimmeres erlebt, als den Eigensinn und die Sturheit der modernen Menschen.

Und sie läuft, und läuft und läuft ...

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© 2014 Rita Kahnt